Fußball-WM der Frauen: Warum die DFB-Auswahl ihr Glück in der Provinz sucht
Ein Kommentar von Marc Heinrich, Melbourne – Aktualisiert am 23.07.2023 – 17:55
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Deutsche Flaggen wehen vor den Apartments des Teamhotels.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat weder Kosten noch Mühen gescheut, um die Chance auf einen Erfolg bei der WM der Frauen zu gewährleisten. Über die Summe für das “Projekt Titelgewinn” schweigt er sich aus. Billig ist der Aufenthalt in Australien keinesfalls. Allein, um den Kader samt Betreuer nach Ozeanien zu bringen, waren zwei Jumbo-Jets nötig. Alle sollten in den Genuss eines Platzes in der Business-Class kommen.
Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hatte zuvor eine Findungskommission angeführt, die vor Ort eruierte, wo am besten das Teamquartier aufzuschlagen sei. Dass dabei die Wahl auf eine kleine Kommune im Hinterland Sydneys fiel, überraschte in Anbetracht der Spielorte während der Vorrunde und der Auswahl, die andere Nationen trafen. Die meisten haben ein Quartier in der Nähe der Metropolen vorgezogen.
Dass die Männer-Nationalmannschaft des DFB mit der selbst gewählten Absonderung sowohl bei der Weltmeisterschaft in Russland, die Auswahl logierte im russischen Örtchen Watutinki, als auch in Qatar (Al Ruwais) nicht glücklich wurde, spielte überraschenderweise keine Rolle. Die Entscheidung der Frauen für den Aufenthalt in der Provinz zwingt den Tross zu einer Pendelei.
Ein breitgefächertes Freizeitprogramm soll Abwechslung bieten
Gegen die Gefahr eines Lagerkollers glaubt sich der DFB gewappnet. Ein breitgefächertes Freizeitprogramm soll Abwechslung bieten: mal geht es an den Strand zum Wale-Beobachten, dann hinaus in den Busch, um Kängurus zu fotografieren oder die Spielerinnen können sich auf dem Hotelgelände amüsieren, das in Teilen einem Open-Air-Vergnügungspark ähnelt; nur die sonst beliebten Tischtennis-Matches stehen diesmal nicht so hoch im Kurs. Mit jedem Ball, der über die Platte hinausfliegt, wächst die Gefahr einer Begegnung der unangenehmen Art: Vor Schlangen in Gebüschen, auch das gehört zu Provinz-Realität, wird ausdrücklich gewarnt.
Ruhe und kurze Wege
Vor einem Jahr bei der EM übernachteten die Deutschen noch mitten in London. Das schadete nicht. Die Spielerinnen schafften es mit teils begeisterndem Spiel bis ins Finale. Es gibt aber Gründe, neue Wege zu gehen. Für das von Ausfällen gebeutelte Team war es notwendig, sich intensiver auf sich selbst zu konzentrieren und Ablenkungen zu vermeiden. Die Spielerinnen sollten rauskommen aus dem Feier-Modus seit dem Highlight im vergangenen Sommer und zurück in den Malocher-Modus wechseln. Die Auswahl war zuletzt nicht in einer Verfassung, die Favoriten zu bieten haben. Verletzungen vergrößern den Druck.
Die Festigung der Automatismen
Wenn für die Deutschen das Turnier an diesem Montag mit dem Spiel gegen Marokko (10.30 Uhr, im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM und im ZDF) losgeht, fehlt ihnen, was sie nach einer erbaulicheren Vorbereitung vor zwölf Monaten auszeichnete: Das Selbstverständnis einer jeden, zu wissen, wie die Mitspielerin Räume und Positionen besetzt. Deshalb wurde bis zuletzt die Festigung der Automatismen gedrillt. Dass dabei die Arbeitsatmosphäre die schönen Erinnerungen an England überlagerte, deckt sich ausdrücklich mit den Vorstellungen Martina Voss-Tecklenburgs. Sie fand in dem 4000-Einwohner-Ort nicht nur das Ambiente des Golf-Ressorts ansprechend, sondern auch die Ruhe und die kurzen Wege zu den Trainingsplätzen gewinnbringend. Das helfe der Gruppe, sich frei von großstädtischen Störgeräuschen ans Werk machen und frischen Ehrgeiz entwickeln zu können.
Der Wert des Aufwands
Falls es zum Gewinn des Goldpokals führt, wird der Aufwand jeden Cent wert gewesen sein. Dann werden allein vom Internationalen Fußball-Verband FIFA zehn Millionen Euro an Prämien gezahlt. Anderenfalls wird ebenfalls abgerechnet: Auch für die Bundestrainerin beginnen nun die Tage der Wahrheit.
<< photo by SHAYAN Rostami >>
Das Bild dient nur zur Veranschaulichung und stellt nicht die tatsächliche Situation dar.
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